Verhaltensregeln nach einem Verkehrsunfall

Einer unserer Tätigkeitsschwerpunkte ist die Regulierung von Verkehrsfällen, also die Durchsetzung der entstandenen Schadensersatzansprüche und die Abwehr unberechtigter Forderungen der Unfallgegner. Damit Sie im Falle des Falles keine vermeidbaren Nachteile erleiden und natürlich den gesamten Ihnen zustehenden Ersatz bekommen, sollten Sie unbedingt einige Verhaltensregeln beachten:

Sofort anhalten
Bei einem Unfall müssen Sie sofort anhalten und am Unfallort bleiben, um die weiteren Beteiligten über

  • Ihre Person
  • Ihr Fahrzeug und
  • Ihre Art der Beteiligung zu informieren.

Diese Feststellungen müssen Sie auch dann ermöglichen, wenn Sie gar nicht sicher sind, ob es sich um einen Unfall handelt (z.B. Überfahren von Reifenteilen auf der Autobahn: ein nachfolgendes Fahrzeug könnte durch aufgeworfene Teile beschädigt worden sein). Umgekehrt ist auch jeder andere Ihnen gegenüber zu diesen Auskünften verpflichtet.

Das unerlaubte Entfernen vom Unfallort ("Fahrerflucht") ist strafbar (§ 142 StGB). Es kann mit Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet werden, und zumeist wird auch die Fahrerlaubnis entzogen.

Unfallstelle sichern
Die Unfallstelle muss gesichert werden, vor allem durch Aufstellen von Warneinrichtungen (Warndreieck, bei Nacht Leuchten, wenn vorhanden). Bei Bagatellschäden (bis etwa 500,00 € Sachschaden) nach Möglichkeit die Unfallstelle sofort räumen,  wenn der Verkehr beeinträchtigt ist – aber nur, wenn hierdurch keine Unfallspuren unkenntlich gemacht werden, sonst riskieren Sie erhebliche Nachteile und eventuell auch ein Bußgeld.

Erste Hilfe
Leisten Sie verletzten Personen Erste Hilfe. Ihre Kenntnisse in Soforthilfe am Unfallort sollten Sie regelmäßig in Wiederholungskursen auffrischen. Es ist nicht selten, dass durch einfache, aber frühe Maßnahmen Leben gerettet oder schwerere Folgen vermieden werden.

Manchmal ist die einzige mögliche Hilfe das Herbeirufen des Rettungsdienstes.

Wer in einem Notfall eine zumutbare Hilfe nicht leistet, kann sich strafbar machen. Das gilt auch dann, wenn Sie selbst am Unfall gar nicht beteiligt waren, auch Zeugen sind zur Hilfe verpflichtet (§ 323c StGB).

Notfallmeldung
Wenn es sich um einen Bagatellunfall handelt und niemand verletzt wurde, brauchen Sie keine Polizei zu rufen. Das kann auch ganz ratsam sein, wenn Sie den Unfall selbst verschuldet haben, da der Verursacher eines Unfall zumeist kostenpflichtig verwarnt wird.

Wenn jemand verletzt wurde, sollten Sie unbedingt Hilfe herbeirufen, denn Sie können häufig nicht abschätzen, ob jemand tatsächlich nur leicht verletzt ist - oder eben doch einen Arzt benötigt, weil unter dem „Kratzer“ ein Knochen gebrochen ist und der Verletzte wegen eines Schocks kaum Schmerzen spürt.

Bitte beachten Sie bei einer Notfallmeldung die „3 W“: 

  • Wer meldet den Unfall? (Name)
  • Wo hat sich der Unfall ereignet? (Unfallort genau bezeichnen)
  • Was ist passiert? (Unfallbeschreibung, Zahl der Verletzten, Art der Verletzungen)

Wenn Personen verletzt sind, teilen Sie nach Möglichkeit die Anzahl der Verletzten und die Schwere der Verletzungen mit. Wenn Treibstoffe auszulaufen drohen oder schon ausgelaufen sind, rufen Sie die Feuerwehr.

An der Unfallstelle sollten Sie wegen der Brandgefahr auf keinen Fall rauchen!

Unfallprotokoll anfertigen / Beweise sichern / Polizei rufen
Erst wenn die Unfallstelle gesichert ist und alle Verletzten (erst)versorgt sind, sollte ein Unfallprotokoll erstellt und Beweise gesichert werden; Lichtbilder sagen häufig mehr als eine selbstgefertigte Skizze, die nur selten maßstabsgetreu ist. Beachten Sie, dass auch Reifen- und Kratzspuren auf der Strasse und deren Lage wichtig sein können. Es ist sinnvoll, aus jeder Perspektive sowohl mehrere Detailaufnahmen als auch – nach Möglichkeit aus verschiedenen Entfernungen – Gesamtaufnahmen anzufertigen.

Notieren Sie die Kennzeichen aller am Unfall beteiligten Fahrzeuge und die Personalien sämtlicher Beteiligten und Zeugen.

Unfallspuren dürfen Sie nicht beseitigen, bis die notwendigen Sicherungsmaß-nahmen getroffen sind. Die Beseitigung von Unfallspuren kann mit einer Geldbuße belegt werden. Im Zweifel gilt: Alles unverändert lassen, bis die Polizei den Unfall aufgenommen hat, auch wenn wegen des Unfalls andere Verkehrsteilnehmer behindert werden.

Schuldanerkenntnis / Aussageverweigerungsrecht
Am Unfallort sollte man mit Äußerungen über den Geschehensablauf sehr zurück-haltend sein. Oft ist man noch etwas durcheinander oder steht sogar unter Schock. Machen Sie deshalb am Unfallort keine vorschnellen Angaben zum Unfallhergang.

Ihre Personalien müssen Sie angeben, aber mehr auch nicht!

Unterschreiben Sie nie ein Schriftstück, ohne die rechtliche Tragweite dessen Inhalts vollständig verstanden zu haben. Wenn Sie vorzeitig Ihre Schuld schriftlich anekennen, kann dies zu Nachteilen bis hin zum Verlust Ihres Versicherungs-schutzes führen.

Wenn Sie auch nur möglicherweise den Unfall mitverursacht haben, sind Sie niemandem, auch der Polizei gegenüber nicht verpflichtet, Angaben zum Hergang zu machen. Es gilt hier der allgemeine Rechtsgrundsatz, dass niemand sich selbst zu belasten braucht. Schweigen ist entgegen weit verbreiteter Ansicht kein „halbes Geständnis“, sondern einfach nur Ihr gutes Recht. Aus Ihrem Schweigen können Ihnen keine Nachteile erwachsen! Deshalb gilt, auch wenn alle einschließlich der Polizei Sie noch so sehr bedrängen: Im Zweifel kein Wort über den Hergang des Unfalls.

Noch wichtiger ist: Kein Verwarnungsgeld bezahlen, wenn Sie nicht vollkommen sicher sind, den Unfall schuldhaft (mit)verursacht zu haben, und das kann sehr schwierig zu beurteilen sein. Damit eine Verwarnung wirksam ist, müssen Sie sich mit ihr einverstanden erklären. Deshalb kann in der Zahlung eines Verwarnungs-geldes - im Gegensatz zum Schweigen - durchaus ein Schuldeingeständnis gesehen werden.

In sehr seltenen Fällen kann es ausnahmsweise ratsam sein, ein Verwarnungsgeld zu zahlen: Wenn Sie sicher sind, den Unfall schuldhaft verursacht zu haben und Personen verletzt wurden, kann möglicherweise durch die Zahlung eines Verwarnungsgeldes der sogenannte Strafklageverbrauch eintreten, so dass Sie wegen des Verbots der Doppelbestrafung nicht mehr wegen (fahrlässiger) Körperverletzung verfolgt werden können (weil Sie ja für das Verursachen des Unfalls insgesamt bereits mit einem Verwarnungsgeld bestraft wurden). Es ist hier aber größte Vorsicht geboten, auch die darin besonders geschulten Polizisten täuschen sich manchmal in der Beurteilung der Schuldfrage. Beim leisesten Zweifel an Ihrer Schuld ist von einem wie auch immer gearteten Anerkenntnis Ihrer Schuld unbedingt Abstand zu nehmen.

Die Grundregel lautet: Schweigen ist Gold!

Schadenfeststellung
Sowohl Verletzungen der Beteiligten als auch der eingetretene Sachschaden müssen festgestellt werden.

Lassen Sie sich bei Verdacht auf unfallbedingte Verletzungen eingehend untersuchen und den Arzt einen Bericht über die festgestellten Verletzungen fertigen; im Regelfall trägt die Versicherung des Unfallverursachers die Kosten für Atteste vollständig, wenn Sie keine Schuld am Unfall trifft, ansonsten zumindest anteilig im Verhältnis der Verschuldensanteile. Arztberichte kosten auch kein Vermögen, und es ist im Zweifel gut investiertes Geld.

Lassen Sie auch den Schaden an Ihrem Fahrzeug und anderen Gegenständen möglichst bald fachkundig feststellen. Bei Bagatellschäden (Sachschäden bis ca. 500,00 €) kann dies jede qualifizierte Fachwerkstatt. Geht der Schaden darüber hinaus, sollten Sie das Gutachten eines anerkannten (öffentlich bestellten und vereidigten) Sachverständigen einholen. Auch diese Kosten trägt regelmäßig die Versicherung des alleinigen Verursachers bzw. anteilig des Mitverursachers.

Unbedingt die eigene Versicherung informieren!
Informieren Sie Ihre Versicherung umgehend, gleichgültig, ob Sie den Unfall verursacht haben oder sich für unschuldig halten. Häufig haftet der Fahrzeughalter auch ohne Schuldvorwurf aus dem Gesichtspunkt der sogenannten Gefährdungshaftung, und eine verspätete Unfallanzeige kann zu Nachteilen bis hin zum Verlust des Versicherungsschutzes führen. Machen Sie gegenüber Ihrer Versicherung stets vollständige und wahrheitsgemäße Angaben.

Unfallregulierung
Der Ausgleich der bei dem Unfall entstandenen Schäden wird häufig Regulierung genannt. Wenn die Schäden über Kratzer und/oder eine kleine Beule am Fahrzeug hinausgehen, und dies ist bei der ganz überwiegenden Zahl aller Unfälle so, sollten Sie die Regulierung dem Rechtsanwalt überlassen.

Ein Verkehrsunfall wirft häufig ungeahnte rechtliche Probleme auf, und nur wenige Laien kennen alle gesetzlichen Ersatzansprüche oder sind gar in der Lage, diese zu realisieren. Unwissenheit und unbedachtes Verhalten im Rahmen der Regulierung kann zu rechtlichen und finanziellen Nachteilen bis hin zum endgültigen Verlust  Ihrer Ansprüche führen. 

Deshalb sollten Sie sich als Geschädigter möglichst früh an Ihren Anwalt wenden. Versicherungen regulieren nicht selten erstaunlich schnell, aber nur unvollständig, und wenn Sie sich erst einmal mit einem bestimmten Betrag an Schmerzensgeld als abgefunden erklärt haben, ist ein „Nachfassen“ meist nicht mehr möglich. Dies gilt häufig auch dann, wenn sich später herausstellt, dass die Zahlung der Versicherung tatsächlich gar nicht ausreicht, den Schaden zu beheben oder das Schmerzensgeld wegen Spätfolgen viel zu niedrig ausgefallen ist.

Die Kosten der Unfallregulierung
Natürlich verlangt der Rechtsanwalt für die Regulierung des Schadens Honorar.

Diese Kosten werden von der Versicherung des Verursachers in der Regel in dem Umfang getragen, wie es dem Verschulden des Gegners an der Entstehung des Unfalls entspricht. Wenn und soweit Sie selbst den Unfall mitverschuldet haben, erhalten Sie keinen Ersatz, weder Sach- oder Körperschaden noch die sogenannten Rechtsverfolgungskosten, also die Rechtsanwaltsgebühren.

Trifft Sie ein Mitverschulden oder haften Sie aus dem Gesichtspunkt der Betriebs-gefahr, werden also auch die Rechtsanwaltskosten nur anteilig getragen. Das bedeutet aber nicht, dass Sie bei einem Mitverschulden stets einen Teil der Rechtsanwaltsgebühren selbst tragen müssten. Wenn Sie bei einem Mitver-schulden von 25 % auch nur ¾ Ihres Schadens ersetzt verlangen, bekommen Sie den Ihnen zustehenden Anteil vollständig ersetzt, und zwar auch die gesamten entstehenden Rechtsanwaltsgebühren. Gerade in solchen Fällen ist es besonders wichtig, Mitverschulden oder Mithaftung von Anfang an richtig einzuschätzen, um keine überhöhten, aber auch nicht zu geringe Forderungen zu stellen.

Welcher Schaden wird ersetzt?
Im Grundsatz gilt: Der Geschädigte ist so zu stellen, wie er stünde, wenn das schädigende Ereignis nicht geschehen wäre (§ 249 BGB). Es ist also von der Idee des Gesetzgebers her alles so wieder herzurichten, wie es vor dem Unfall war.

Natürlich ist der Grundsatz nur in seltensten Fällen realisierbar, weil Geschehenes nun einmal nicht ungeschehen gemacht werden kann. Wenn etwa Ihr bis dahin unfallfreier Oldtimer einen Totalschaden erlitten hat, lässt er sich auch mit viel Aufwand nicht wieder zu demselben Fahrzeug reparieren, weil ihm für immer der Makel des Vorschadens anhaftet.

Besonders deutlich wird die Unmöglichkeit der Wiederherstellung bei Personen-schäden: Eine Verletzung kann real nicht ungeschehen gemacht werden, die erlittenen Schmerzen oder den Schock kann man nicht zurücknehmen. Deshalb sieht das Gesetz für die Verletzung des Körpers eine Entschädigung in Geld vor, das Schmerzensgeld.

Über den Ausgleich des Sachschadens und die Zahlung eines angemessenen Schmerzensgeldes hinaus können mitunter sehr umfangreiche weitere Ansprüche gegeben sein. Wer wegen unfallbedingter Verletzungen nicht wie üblich im Haushalt mitarbeiten kann, hat möglicherweise Anspruch auf eine Haushaltshilfe oder eine Ausgleichszahlung, wenn die übrigen Familienangehörigen die Arbeiten übernehmen. Natürlich haben Sie regelmäßig auch Anspruch auf Ausgleich aller Nachteile wegen Ausfalls Ihrer Arbeitskraft im beruflichen Bereich (z.B. Ausfall von Überstundenvergütungen oder der Arbeitskraft von Selbstständigen). Wer etwa durch einen Unfall erst später seine Ausbildung beginnen oder ins Berufsleben einsteigen kann, erhält in der Regel auch den durch diese Verzögerung eintretenden Vermögensschaden.

Welchen Schaden Sie erlitten haben, wissen viele häufig nicht genau genug zu beschreiben und können ihn deshalb natürlich erst recht nicht in Euro und Cent bewerten. Bei größeren Schäden gilt deshalb uneingeschränkt: Zuerst zum Rechtsanwalt, und zwar vor dem ersten Kontakt mit der gegnerischen Versicherung. Bedenken Sie: Die Versicherungen stellen für die Bearbeitung von Schäden häufig Juristen ein, und den Kenntnissen dieser Fachleute sind Sie nicht gewachsen!

Der Termin mit dem Rechtsanwalt
Wenn Sie sich entschieden haben, anwaltliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollten Sie einen Besprechungstermin vereinbaren und diese Unterlagen mitbringen:

  • den Unfallbericht der Polizei
  • das Unfallprotokoll, gefertigte Lichtbilder, Adressen aller Beteiligten und Zeugen
  • die Papiere für Ihr Fahrzeug, ggf. auch den Leasing- oder Kreditvertrag
  • wenn bereits vorhanden, Sachverständigengutachten und Arztberichte (Atteste)
  • die Daten Ihrer eigenen Versicherung (Versicherungskarte oder –schein) und
  • wenn Sie eine Rechtsschutzversicherung haben: die Daten dieser Versicherung

Bitte beachten Sie: Ihr Rechtsanwalt ist Ihr Vertrauter, und deshalb sollten Sie ihn vollständig aufklären. Auch – oder besser: gerade – wenn Sie glauben, einzelne Details seien nicht wichtig oder sprechen sogar gegen Sie, sollten Sie diese unbedingt mitteilen; nur dann ist eine sachgerechte Beurteilung der Erfolgs-aussichten möglich. Und hiervon hängt nicht zuletzt auch ab, ob Sie Kosten tragen müssen oder eben nicht.


Kontakt: info@ra-luettel.de